AUFHORCHEN! Nachhall des Wandels – Eine Reihe mit Radiostücken zur Transformationsgeschichte

„Hochzeit mit dem Feind.“ Feature von Helmut Kopetzky (SFB 1991) Die Tugend des Zuhörens: Exzellente Radiomacher verstehen es, in teils sehr intimen Annäherungen ihre Gesprächspartner zu öffnen und so eine Qualität des Erzählens auszulösen. Stücke solcher Autoren und Autorinnen versammelt die Herbstreihe im Literaturhaus Halle – sie kreist 30 Jahre nach der Wiedervereinigung um Themen wie Armee und Schichtarbeit in Ost und West, um Bürgerrechtler „am rechten Rand“ und gedopte Sportler, um Einwanderung und das Sehnsuchtsland Deutschland, aber auch um Leerstellen und Phantomschmerzen des Einheitsprozesses, um die unterschwelligen Enttäuschungen und die Wut auf das vor 30 Jahren etablierte Neue. Mit einem Wort: um das Grummeln in der Gesellschaft. Gemeinsames Hören preisgekrönter Radiostücke schafft einen geschützten Raum für das Gespräch. Am Rand der Gemeinde Dabel, Kreis Sternberg, Bezirk Schwerin (2.000 Einwohner), hinter Kiefern und Birken, geschieht das nie Dagewesene: Zwei Armeen die Gegner, schwer bewaffnet und in jahrzehntelangem Misstrauen erstarrt – feiern. Ehemalige NVA-Offiziere schwören nun auf Schwarz-Rot-Gold ohne Hammer und Zirkel; Rekruten geloben in feierlicher Zeremonie, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Allerdings: Alte Gewohnheiten und Denkmuster sind schwerer zu wechseln als Uniformen, und die kleine Mannschaft der Bundeswehr-Instrukteure (West) – in Dabel sechs Mann gegenüber tausendvierundneunzig Soldaten und hundertfünfundfünfzig Zivilangestellten (Ost) – wirkt zuweilen wie ein Fähnlein versprengter Pioniere oder Missionare unter fremdstämmigen Kriegern. Berufsoffiziere, samt und sonders SED-Parteimitglieder und auf Befehl und Gehorsam gedrillt, sollen nun die Grundsätze der inneren Führung (‚Bürger in Uniform‘) verwirklichen. Die Wehrpflichtigen aber sind ohne Motivation. Der Staat, den sie im Ernstfall unter Einsatz ihres Lebens verteidigen müssten, wird viele nach der Militärzeit vorerst in die Arbeitslosigkeit entlassen. Die umgekleideten, ‚gewendeten‘ Vorgesetzten sind unglaubwürdig. Und die neue Freiheit verleitet zu ‚Disziplinlosigkeiten‘, Leck-mich-am-Arsch-Stimmung und offener Randale. Eine Woche lang hat Helmut Kopetzky die mecklenburgischen Vereinigungswehen beobachtet – in der Wachstube, in den Mannschaftsunterkünften, auf dem Exerzierplatz, im Dienstzimmer des Kommandeurs, in der Militärwohnsiedlung im Dorf. Ausgezeichnet mit dem Prix Europa 1992. In Anwesenheit des Autors. Moderation: Tobias Barth
Preis: 
8,00 € | erm. 5,00 €
Rubrik(en): 
Lesungen und Vorträge
Termin(e): 
Montag, 5. Oktober 2020 - 19:00
Wo: 
Großer Saal

Veranstaltungsort: 
Bernburger Straße 8
06108 Halle (Saale)
Telefon: 
+49 (0) 345 13252513
Haltestelle: 
Hermannstraße, Mühlweg

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